
BIOGRAPHY

Synästhetiker nehmen Töne farbig wahr.
Eine der ersten, nämlich 1890 in Frankreich erschienen Untersuchung, bezieht sich denn ausdrücklich nur auf diese „Audition colorée“, auf das farbige Hören, bei dem „Geräusche, Musik, Stimmen, ausgesprochene Buchstaben und Zahlen typischerweise zur Wahrnehmung bewegter Farben und Formen führen..“
- So, wie das A des Dichters Rimbaud nicht einfach nur schwarz ist, sondern ein ganzes Gewimmel von schwarz. Anzumerken ist dabei, dass es unter Synästhetikern keinen verlässlichen Kanon der Töne und Farben gibt. Für Susanne Ritzel ist das A ganz selbstverständlich rot, und Rimbauds weißes E ist bei ihr gelb, das U freilich wiederum grün, wie bei Rimbaud auch. Die synästhetische Verknüpfung ist also eine ganz individuelle, wie die menschliche Wahrnehmung das in ihrem Innersten, in ihrer ganzen komplexen Fülle von Empfindungen und Erinnerungen und Assoziationen ja wohl immer ist.
Diese Einzigartigkeit der jeweiligen synästhetischen Wahrnehmung erklärt auch, warum die Schulweisheit lange Zeit nichts davon wissen wollte, besonders in Deutschland nicht, trotz der erwähnten Untersuchung aus dem Jahre 1890 und obwohl beispielsweise der Brite Francis Galton sogar bereits 1883 eine ausführliche Untersuchung über Menschen mit synästhetischen Wahrnehmungen vorgelegt hatte. Freilich ließen im XX. Jahrhundert der Behaviorismus oder überhaupt eine Betrachtungsweise, die sich auf das Naturwissenschaftlich- Nachweisbare kon-zentrierte, die Erkenntnisse über Synästhesie in Vergessenheit geraten, so dass dieses Phänomen einer breiteren Öffentlichkeit erst wieder um 1980 durch den amerikanischen Neurospychologen Richard E. Cytowic näher gebracht wurde. Schließlich wurde auch in Deutschland, an der Medizinischen Hoch-schule Hannover, der Synästhesie ein Forschungsprojekt gewidmet, dessen Ergebnisse in einer Monographie über das „Leben mit verknüpften Sinnen“ vorgestellt wurden. „Welche Farbe hat der Montag?“ heißt das Buch, in dem es auch darum geht, was da eigentlich stattfindet, wenn wir sagen, wir nehmen etwas wahr. In der Monographie sind auch zwei Arbeiten von Susanne Ritzel abgebildet sind.
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Wie es sich nun fügt, findet sich auch in Susannes Arbeiten eine Parallele zwischen ihrer künstlerischen Entwicklung und dem erst allmählichen Begreifen und späten Akzeptieren dieser besonderen Fähigkeit oder Eigenschaft der Synästhesie.
Wenn ein Maler/eine Malerin in der Bodenseelandschaft lebt, dann lässt es sich nicht vermeiden, dass das Besondere dieser Landschaft, ihr Schmelz, das besondere Licht, das sie an manchen Tagen hat, sich fast unvermeidlicherweise in Aquarellen niederschlägt. Nun ist der See, wie Sie alle wissen, keineswegs nur lieblich, von einer Stunde zur anderen kann er seinen Ausdruck ändern, kann bedrohlich werden, oder überhaupt den Menschen in die graue Krähenstimmung eines nebelverhangenen Novembers hineinziehen. Die Melodie dieser Landschaft ist also keineswegs nur lieblich und harmlos wie die einer Rokoko-Spieldose, und wer den Blick dafür hat, weiß, dass sich auch Schwermut in der Bodensee-Landschaft findet und nicht nur weiße Segel auf blauem See. In ihren Landschaftsbildern hat Susanne einiges davon aufgegriffen oder aufzugreifen versucht, vielleicht nicht so sehr die Schwermut, aber das Erdhafte, die stille Kraft satter Farben, die gegeneinander gesetzt sind.